Sommerpause? Nicht für die Unternehmen, über die dieser Blog in den letzten Monaten geschrieben hat. Wer die "Käpsele im Ländle" der letzten Wochen verfolgt, erkennt ein Muster: Fünf traditionsreiche Firmen aus Baden-Württemberg reagieren gerade sehr unterschiedlich auf denselben Druck – chinesische Konkurrenz, US-Dominanz bei Kapital und Technologie, der KI-Boom als Chance und zugleich Kostenfaktor. Die einen verkaufen sich, die anderen investieren trotzig weiter, wieder andere scheitern oder suchen ihr Heil im Rüstungsgeschäft. Ein Rundgang durch einen Sommer der Umbrüche.

Käpsele im Umbruch
Made with Flux.2 (Elevenlabs.io)

ebm-papst: Der Mulfinger Weltmarktführer geht in US-Hände

Die größte Nachricht zuerst: ebm-papst, einer der bekanntesten Arbeitgeber Hohenlohes, wird verkauft. Der US-Konzern Madison Air Solutions übernimmt den Ventilatoren- und Motorenhersteller aus Mulfingen für rund 4,8 Milliarden Euro. Damit endet die Ära der bisherigen Gesellschafterfamilien Sturm, Ziehl und Philippiak – nach mehr als sechs Jahrzehnten als Familienunternehmen.

Bemerkenswert dabei: ebm-papst steht nicht etwa schlecht da. Im abgelaufenen Geschäftsjahr wuchs der Umsatz auf 2,236 Milliarden Euro, das Kerngeschäft Lufttechnik sogar um rund zwölf Prozent – angetrieben ausgerechnet durch Rechenzentren und den KI-Boom, also durch dieselbe Entwicklung, über die dieser Blog schon mehrfach geschrieben hat. Der Hauptsitz in Mulfingen soll erhalten bleiben, ebenso bestehende Tarif- und Betriebsvereinbarungen. Doch dass ein wirtschaftlich gesundes, wachsendes Traditionsunternehmen sich lieber amerikanischem Kapital anschließt, als eigenständig zu bleiben, ist ein Signal, das man nicht kleinreden sollte.

ZIEHL-ABEGG: Der Gegenentwurf – Investition statt Verkauf

Fast wie eine Antwort darauf liest sich die Meldung des Künzelsauer Wettbewerbers ZIEHL-ABEGG. Statt zu verkaufen, investiert das Unternehmen selbstbewusst weiter – und zwar ausgerechnet in China. Mit dem Spatenstich für ein neues Werk in Shanghai hat Ziehl-Abegg eines der größten Investitionsprojekte seiner Firmengeschichte gestartet: rund 25 Millionen Euro über fünf Jahre, die Belegschaft vor Ort soll von etwa 700 auf über 1.000 Mitarbeitende wachsen. Das neue Werk soll im Oktober 2027 den Betrieb aufnehmen.

CEO Joachim Ley begründete den Schritt unmissverständlich: Wer in China bestehen wolle, müsse den Markt nicht nur verstehen, sondern auch vor Ort mitgestalten. Das ist bemerkenswert selbstbewusst für ein Unternehmen, das gleichzeitig 2025 erstmals die Umsatzmilliarde geknackt hat – ein Wachstum von über zwölf Prozent, getragen vor allem vom starken Auslandsgeschäft in den USA und eben China. Während also ebm-papst sich unter ein US-Dach begibt, bleibt Ziehl-Abegg familiengeführt und expandiert nach eigenem Plan. Zwei Nachbarn, zwei völlig unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage.

VARTA: Die Insolvenz, die sich lange angekündigt hatte

Weniger überraschend, aber nicht weniger bitter: Der Ellwanger Batteriehersteller VARTA AG hat Ende Juli 2026 für die Konzernmutter sowie mehrere Tochtergesellschaften die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung beantragt. Bereits 2024 hatte das Unternehmen ein vorinsolvenzliches Sanierungsverfahren durchlaufen, bei dem das Grundkapital auf null gesetzt und alle bisherigen Aktien gelöscht wurden. Diesmal reichte es nicht mehr.

Auslöser war laut Unternehmen eine strukturelle Finanzierungslücke ab 2027 – verschärft durch die Entscheidung eines wichtigen Kunden, die Partnerschaft zu beenden. Medienberichten zufolge handelt es sich dabei um Apple, das seine wiederaufladbaren CoinPower-Knopfzellen für AirPods künftig aus China bezieht. Betroffen sind rund 3.260 Beschäftigte, vor allem am Stammsitz Ellwangen; für das Werk Nördlingen mit rund 350 Arbeitsplätzen steht im Herbst 2026 sogar die Schließung im Raum. Immerhin: Das profitable Haushaltsbatteriegeschäft Varta Consumer Batteries ist rechtlich ausgegliedert und vom Verfahren nicht betroffen. Der bestellte Sanierer sucht nun nach Investoren – ob daraus ein echter Neustart oder nur eine geordnete Zerschlagung wird, ist offen.

Trumpf und Rohde & Schwarz: Wenn Lasertechnik zur Waffe wird

Ein ganz anderes Kapitel schreibt der Ditzinger Maschinenbauer Trumpf. Gemeinsam mit dem Münchner Elektronikkonzern Rohde & Schwarz entwickelt Trumpf eine mobile Laserkanone zur Drohnenabwehr – vollständig in Deutschland produziert, in etwa drei Jahren einsatzbereit. Die Rollen sind klar verteilt: Trumpf liefert die Hochenergielasertechnologie und das Know-how in Strahlführung und -formung, Rohde & Schwarz steuert Radar-Sensorik und die Beherrschung des elektromagnetischen Spektrums bei. Auf der ILA Berlin 2026 wurde mit THORIS LCS bereits ein erstes System vorgestellt, das auf mobilen Fahrzeugen militärische Konvois und Truppen gegen Drohnen schützen soll.

Interessant ist der Zeitpunkt der Ankündigung: Sie fiel bei der Vorstellung der Jahreszahlen von Trumpf – just in einem Jahr, in dem das Familienunternehmen mit einem Verlust und deutlich sinkenden Kennzahlen zu kämpfen hatte. Der Griff zum Rüstungsgeschäft wirkt hier weniger wie eine strategische Kür als wie eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Ein Muster, das sich in der Branche gerade häufiger zeigt: Wo klassische Absatzmärkte schwächeln, wird Verteidigungstechnik zum neuen Wachstumsfeld.

Zeiss: Sparprogramm trotz Wachstum

Auch bei Zeiss in Oberkochen passt die Gemengelage nicht so recht zusammen: Der Umsatz wuchs im ersten Halbjahr 2025/26 leicht auf 5,841 Milliarden Euro, das operative Ergebnis legte auf 955 Millionen Euro zu – und trotzdem kündigte der Konzern ein Sparprogramm in Höhe mehrerer hundert Millionen Euro jährlich an, verbunden mit Stellenabbau. Bis zu 1.000 Stellen könnten in den kommenden drei Jahren weltweit betroffen sein, mit dem Ziel, das Ergebnis bis zum Geschäftsjahr 2028/29 um über 200 Millionen Euro jährlich zu verbessern.

CEO Andreas Pecher nannte als Grund zwei fundamentale Herausforderungen: eine seit Jahren nachlassende Dynamik in drei der vier Konzernsparten, während vor allem die Halbleiterfertigungstechnik weiter zulegt. Konkret spürbar wird das auch in der Region: Am Standort Aalen sollen bis Oktober 2026 rund 250 Vollzeitstellen im Bereich Brillenglasfertigung wegfallen. Ein Konzern, der in der Summe wächst, aber in Teilen so unter Druck steht, dass er sich gesundschrumpfen muss – auch das eine Facette desselben wirtschaftlichen Umbruchs.

Thales Deutschland: Rüstung und digitale Souveränität gleichzeitig

Auch Thales Deutschland aus Ditzingen zeigt in diesem Sommer zwei sehr unterschiedliche Gesichter. Zum einen: Rüstung. Der Konzern hat einen Rahmenvertrag mit Rheinmetall unterzeichnet, um im Zuge des Bundeswehr-Modernisierungsprogramms "Infanterist der Zukunft – Erweitertes System" optronische Ziel- und Nachtsichtsysteme zu liefern, darunter das bewährte XTRAIM-Visier sowie eine neue Generation von Nachtsichttechnik. Um die Nachfrage zu bedienen, investiert Thales mehrere Millionen Euro in den Ausbau von Produktions- und Instandhaltungskapazitäten in Deutschland.

Zum anderen: digitale Souveränität – ein Thema, das diesem Blog besonders am Herzen liegt. Thales hat gemeinsam mit Google Cloud eine Partnerschaft angekündigt, um eine neue souveräne Cloud-Lösung für Deutschland aufzubauen. Betrieben werden soll sie über ein eigenständiges, rein deutsches Unternehmen, damit kein außereuropäischer Akteur Zugriff auf die gespeicherten Daten erhält. Eine bemerkenswerte Kombination: Auf der einen Seite klassische Wehrtechnik, auf der anderen der Versuch, europäische Datenhoheit gegenüber den großen US-Cloud-Anbietern zu behaupten – beides Antworten auf dieselbe geopolitische Großwetterlage.

Ein Sommer als Brennglas

Sechs Unternehmen, sechs unterschiedliche Strategien – und doch ein gemeinsamer Nenner. Ob Verkauf (ebm-papst), Trotz-Investition (Ziehl-Abegg), Insolvenz (Varta), Umorientierung ins Rüstungsgeschäft (Trumpf, teilweise auch Thales), Sparprogramm (Zeiss) oder der Spagat zwischen Wehrtechnik und digitaler Souveränität (Thales): Alle reagieren auf denselben Cocktail aus chinesischer Konkurrenz, geopolitischer Unsicherheit, KI-getriebenem Strukturwandel und der Frage, wie viel wirtschaftliche Eigenständigkeit sich ein Mittelstandsunternehmen heute noch leisten kann oder will. Baden-Württemberg als Industriestandort steht dabei exemplarisch für ein Land, das gerade neu aushandelt, was "Made in Germany" in einer multipolaren Wirtschaftswelt eigentlich noch bedeutet.